17.11.2014
Sehr
geehrte Damen und Herren,
die
ersten drei Monate meines Freiwilligendienstes im westafrikanischen
Togo sind ins Land gegangen und ich möchte im
Folgenden meine Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen unter
Einbeziehung der gegebenen Leitfragen darlegen.
Bevor
ich ins Ausland ging, habe ich versucht, mir keine konkreten
Vorstellungen über mein Gastland zu machen, denn ich wollte mich so
offenen wie möglich darauf einlassen können. Dennoch musste ich
feststellen, dass sich unterbewusst einige Erwartungen – vor allem
zum organisatorischen Ablauf des Jahres – eingestellt hatten. So
hätte ich beispielsweise nicht damit gerechnet, den gesamten ersten
Monat zusammen mit nationalen und internationalen Freiwilligen in
einem Workcamp zu verbringen. Ursache dafür war, dass viele unserer
Projekte erst zeitgleich mit dem Schulanfang in Togo am 29.09.
begonnen haben.
Die
anderen Volontäre und ich arbeiteten also in einer Ferienschule in
dem Dorf Womé, nahe der ghanaischen Grenze in den Bergen westlich
von Kpalimé. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, bis heute bereits
zwei verschiedene und auf unterschiedliche Weise bereichernde
Arbeitsstellen kennenzulernen, und an zwei verschiedenen Orten
längere Zeit wohnen zu dürfen.
Dabei
half mir die Sensibilisierung & Vorbereitung durch den ICJA e.V.
insoweit, dass ich mir stets darüber im klaren
war, dass ich geprägt von meinen Erfahrungen eine andere
(subjektive) Wahrnehmung habe, und, dass ich mich häufiger getraut
habe nachzufragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe.
Ein
gutes Beispiel dafür findet sich bei der Arbeit in der Küche, bei
der ich sowohl im Workcamp geholfen habe als auch jetzt in der
Gastfamilie gerne helfe. Dort hörte ich des
Öfteren Sätze wie „Il faut me donner ca.“ / „Il faut
faire ca.“ („Du musst mir das geben.“ / „Du musst das tun.“)
, die so ganz ohne Bitte und Danke in meinen Ohren zunächst
reichlich schroff klangen. Als ich mich jedoch näher danach
erkundigte, erschien ein Lächeln auf dem Gesicht der Köchin – die
sich selbst Comfort nennt – und sie erklärte bereitwillig,
dass man Bitte und Danke schlicht und einfach aus Zeitgründen in der
Küche nicht so häufig verwendet, wenn es eben schnell gehen muss.
:)
Seit
knapp eineinhalb Monaten arbeite ich nun bei AGERTO und ich lerne
beinahe jeden Tag etwas Neues.
Es handelt sich um ein soziales Zentrum, dass Waisen und jungen
Menschen aus ärmeren Verhältnissen die Möglichkeit bietet,
kostenlos eine dreijährige Ausbildung in einem Beruf ihrer Wahl,
darunter Skulpteur, Batiker, Schreiner, Tischler, Schweißer und
Schneider, zu machen, die die Lehrlinge nach einer staatlichen
Prüfung mit einem Diplom abschließen.
Damit wird Jugendlichen eine Zukunftsperspektive gegeben und
Kriminalität sowie Prostitution auf den Straßen von Kpalimé
vorgebeugt.
Neben den Werkstätten findet man für die medizinische Versorgung
eine auf eigene Kosten errichtete Krankenstation auf dem weitläufigen
Gelände.
Ein Großteil der Lehrlinge hat hier ein neues Zuhause gefunden. Die
vornehmlich jungen Frauen haben Schlimmes durchgemacht, wurden
misshandelt oder zur Prostitution gezwungen und wohnen nun auf dem
Projektgelände, wo sie unentgeltlich voll verpflegt werden.
Außerdem unterstützt AGERTO Aktionen für Naturschutz, soziale
Gerechtigkeit, Gesundheit –beispielsweise Aufklärungscampagnen für
Mädchen – sowie zur Bekämpfung der Armut.
Mein
Aufgabenfeld ist sehr weit gefächert: Zwar bin ich hauptsächlich
für die Kooperation mit dem deutschen Spendenverein Togo-Hilfe e.V.
verantwortlich, aber ich dokumentiere u.a. die laufenden Programme
und Aktionen, schreibe Berichte, kümmere mich um den
Internetauftritt (facebook.com/agerto ; www.agerto.jimdo.com)
und suche nach weiteren Spendern. Aber auch die Arbeit im Garten von
AGERTO gehört dazu.
Des Weiteren bietet einem AGERTO die Möglichkeit, selbst Ideen zu
entwickeln und umzusetzen. So habe ich mir zum Beispiel das Ziel
gesetzt, allen Auszubildenden die Möglichkeit einer (kostenlosen)
anknüpfenden Schulbildung zu ermöglichen, da viele von ihnen
frühzeitig die Schule verlassen mussten. Mit der Hilfe eines
ausgebildeten Lehrers konnte ich so Französischkurse ins Leben
rufen, die dienstags und donnerstags von 16 bis 17 Uhr stattfinden.
Dabei fiel es mir zunächst schwer, mich allein vor eine große
Gruppe von Schülern zu stellen. Aber neue Herausforderungen sind
dafür da, gemeistert zu werden! Mittlerweile bin ich diesbezüglich
schon sicherer geworden.
Schwierigkeiten
bereitet mir zudem die Landessprache Ewe, die ich trotz zweiwöchigem
Sprachkurs kaum bruchstückhaft beherrsche. Das liegt u.a. daran,
dass man sich auch mithilfe
der Amtssprache Französisch verständigen kann und ich erst einmal
versuche, dort neue Vokabeln und Ausdrücke zu lernen.
Ich hoffe dennoch, dass ich noch Zeit finde, mich mit Ewe genauer
auseinanderzusetzen.
Insgesamt fühle ich mich im Projekt wie auch in der Gastfamilie gut
aufgenommen. Vor allem Messan, der Präsident von AGERTO, hat mir zu
Beginn sehr geholfen, mich auf dem Gelände und bei der Arbeit
zurechtzufinden.
Besonders durch den Französischkurs konnte ich außerdem Kontakte zu
meinen Kollegen_innen und den Lehrlingen knüpfen.
Da
Togo nicht sehr oft in den deutschen Medien erwähnt wird (es gibt
beispielsweise keinen deutschsprachigen Reiseführer), sondern
höchstens verallgemeinert von Afrika
gesprochen
wird, hatte ich die Gelegenheit, mir ohne große Vorstellungen mit
eigenen Augen ein Bild von diesem Land mit seiner einzigartigen
Kultur und seinen vielseitigen Einwohnern zu machen und ich freue
mich sehr auf die kommenden neun Monate!
Mit freundlichen Grüßen,
Tjada Schult